Zehn Tipps: Mama, lass mich dir helfen

Goethe ist mir keine Hilfe. Wenn es darum geht, welchen Standpunkt wir folgen sollten, dem des Jüngeren oder dem des Älteren, so ist sein Rat mehr vage als konkret. In zu Eckermann, schreibt er am 17. Februar 1831:

Der Mensch wird in seinen verschiedenen Lebensstufen wohl ein anderer, aber ich kann nicht sagen, daß er ein besserer werde, und er kann in gewissen Dingen so gut in seinem zwanzigsten Jahre recht haben als in seinem sechzigsten. Man sieht freilich die Welt anders in der Ebene, anders auf den Höhen des Vorgebirges und anders auf den Gletschern des Urgebirges. Man sieht auf dem einen Standpunkt ein Stück Welt mehr als auf dem anderen. Aber das ist auch alles, und man kann nicht sagen, daß man auf dem einen mehr recht hätte als auf dem anderen.

So bleibe ich mit der Frage zurück, wie spreche ich mit meinen Eltern über das Altern. Als leidenschaftliche Radfahrerin werde ich meinen Vater wohl nie bei der Fahrpraxis am Steuer einholen. Wie soll ich ihm also sagen, wann der Führerschein besser abzugeben ist? Als Tochter, die derzeit 632 Kilometer, entfernt lebt, gehört es sicher nicht zum richtigen Ton, meiner Mutter zum runden Geburtstag eine Putzhilfe zu empfehlen. Nur wie kann ihr am besten helfen? Eine Anleitung hat diese Woche Gerontopsychologin Prof. Katja Werheid von der Humboldt-Universität Berlin im Stern (Nr. 37, 03.09.2015) vorgelegt.

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stern-Titelgeschichte von Tobias Schmitz. Ausgabe Nr. 37, 03.09.2015

Ihre zehn Tipps habe ich um meine eigenen Erfahrungen ergänzt, um zum und durch das Gespräch mit den alternden Eltern zu führen:

  1. Versetzen Sie sich in die Rolle Ihrer Eltern, um sie zu verstehen: Was macht Ihre Familie aus und stolz? Was ist Ihren Eltern wichtig? Laut Stern werden 70 Prozent aller pflegebedürftigen Senioren im eigenen Heim versorgt. Liegt es daran, dass sie sich zu Hause am wohlsten fühlen und den gewachsenen Bund in der Nachbarschaft genießen?
  2. Konkrete Hilfe anbieten, statt abstrakte Angst machen: Altern und Sterben gehört zum Leben wie Lachen und Weinen. Nur ein Einstieg à la ‚Wir wissen, deine Zeit neigt sich dem Ende zu‘ öffnet weder das Herz noch den Verstand. Abstrakte Angstszenarien lösen Abwehr als Gesprächsbereitschaft aus. Auch klingen sie nicht nach einem konkreten Hilfsangebot. Prof. Werheid schlägt stattdessen vor: „Wenn es (…) darum geht, dass Ihre Eltern den Haushalt nicht mehr allein bewältigen können, dann suchen Sie erst mal eine konkrete Lösung für das konkrete Problem“. Greifbare positive Erfahrungen vermitteln Sicherheit und Vertrauen, welches die Basis für alle weiterführenden Gespräch sein muss.
  3. Nicht zum 80. Geburtstag. Auch nach einer guten Runde Korn zum Jubiläum ist nicht der richtige Moment, um die fröhliche Laune in ein klärendes Gespräch zu münden. Zum Geburtstag aus der Ferne kurz reinzuschneien und seine Annahmen kund zu tun, ist kein Gespräch. Eher nenne ich es eine selbstgefällige Art, das eigene schlechte Gewissen zu erleichtern. Feste werden gefeiert, Gespräche werden in Ruhe geführt. – Es bedarf Zeit.
  4. Ob der Papa ab jetzt mit dem Bus fährt, entscheide nicht ich. Egal, ob es die eigenen Eltern oder der eigene Partner ist, Mensch lassen sich weder etwas vorscheiben noch überreden. Sie lassen sich überzeugen. Prof. Werheid hat dafür eine Strategie entwickelt. Diese beginnt mit der eigenen Perspektive als Türöffner: „Du Papa, ich mache mir viele Gedanken darüber, wie ich alt werden möchte“.
  5. Fragen stellen, statt Antworten bringen. Dass es mit dem einen oder anderen nicht mehr so gut klappt, ist ein Fazit. Nur wenn ich dieses gleich zu Beginn des Gesprächs ziehe, erfahre ich nicht, wie meine Mutter sich selbst wahrnimmt, was ihre Probleme sind und über welche Lösungen sie schon nachgedacht hat. Stattdessen dränge ich sie in eine Rechtfertigungsecke. Prof. Werheid plädiert für ein konkretes Beispiel, welches sich in das Gespräch einfließen lässt: „Mama, ich habe bemerkt, dass du, wenn wir mit allen zusammen sind, abwesend wirkst.“
  6. Mach dir bitte keine Sorgen! Wie oft habe ich meiner Mutter als Kind versichert, dass sie sich bitte keinen Kopf machen soll? Jetzt sind die Rollen verkehrt und Mama sagt das Gleiche zu mir. Wie ist sie früher an mich rangekommen? Lässt sich der Gesprächsknoten lösen, wenn ich sie mit einem Augenzwinkern dran erinnere, wie ich ihr mit der Antwort früher auch nicht alle Sorgen vertreiben konnte? – ein Versuch ist es wert.
  7. Kein ex und weg. So wie das Altern ein schleichender Prozess ist, sind es auch die Gespräche dazu. Es kann nicht das eine Gespräch geben, in dem sich alles klären lässt. Regelmäßige Dialoge in ruhigen Momenten helfen, einen starken Familienbund aufzubauen. Finden Sie heraus, wann Ihre Eltern diese ruhigen Momente haben. Rufen Sie genau dann an oder schauen Sie vorbei. Überraschungen sind schön, Verlässlichkeit und Vertrauen oft aber noch besser.
  8. Wir sind eine Familienbande. In der Kaffeeküche über Mama den Kopf zu schütteln, mag das eigene Gewissen beruhigen, nur den Eltern bringt es wenig. Dabei können Geschwister und andere nahe Angehörige ungemein hilfreich sein. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht? Wie schätzen sie die eine oder andere Veränderungen ein? Was haben sie schon unternommen? Worauf lässt sich im nächsten Gespräch aufbauen?
  9. Mitdenken und –reden erwünscht. Wenn ich meinen Eltern helfen möchte, dann kann das kein Monolog sein. Wie gestalte ich das Gespräch so, dass ich ihnen zuhören kann und mein Redeanteil der kleinere ist? Wie stelle ich die richtigen Fragen, um zu erfahren, über welche Lösungen und nächsten Schritte die beiden schon nachgedacht haben.
  10. Bis hierhin und nicht weiter. Ablehnung ist zu akzeptieren. Nur schlagen Sie im Gehen nicht die Tür zu. Kommen Sie wieder und wieder, um eine Vertrauensbasis aufzubauen. Lernen Sie die richtigen Fragen zu stellen, um Zugang zu Ihren Eltern zu erhalten und sagen Sie nie ‚Ich habe es doch gesagt‘.

Zehn Tipps weiter, sieht es ganz so aus, als habe ich mich geirrt. Zumindest was mein Urteil über Goethes Rat anbelangt. Ein gutes Gespräch beginnt mit dem gleichen Standpunkt. Wie schaffe ich es, in die gleiche Ebene, von den gleichen Höhen des Vorgebirges oder von dem gleichen Gletscher des Urgebirges wie meine Eltern zu schauen? Wenn es nicht am Alter liegt, dann doch zumindest zu 50 Prozent an mir.