Gastbeitrag von Johannes Wendel: Opa (89) hat ein Galaxy S gewonnen, und jetzt?

Theo sitzt wie jeden Morgen am Esszimmerfenster des Einfamilienhauses. Gebaut hatte er es im Rheinland der Nachkriegszeit. Dann kamen die Kinder, die Enkel. In den nächsten Monaten wächst die Zahl der Großenkel auf fünf an. Alle werden in 2016 zu seinem 90. Geburtstag vorbeischauen. Doch an diesem Tag sitzt er alleine auf der Eckbank im Esszimmer. Dort ist er am liebsten. Leni wurschtelt in der Küche. Zeit für die jährliche Tombola der Pfarrei.

Ausgefüllt. Abgeschickt. Und gewonnen. Ein Galaxy S. Es handelt sich dabei nicht um einen Ausschnitt aus der Milchstraße oder einen anderen fernen Planeten, sondern um ein Smartphone. Dieser Typus eines mobilen Telefons kann so viele Musiktitel speichern und abspielen, wie Opa in 90 Jahren nicht sammeln konnte. Es kann Nachrichten verschicken. Als Einkaufsnavigator dienen. Und damit telefonieren kann man neben so vielen anderen Funktionen auch. Nur was soll Opa noch damit?

Ich hatte schon einen Kumpel im Blick, der gerade ein neues Gerät sucht. Finanziell werden wir uns schon einig, so dass für Großvater ein Seniorenhandy, wie das Doro 612, herausspringt.

Vorgeschlagen und abgelehnt. Denn Opa hat längst eine bessere Idee. Was er noch mit einem Smartphone soll?  Er weiß das nur zu genau. Mit einem fast schon schelmischen Lächeln antwortet er: Das lege ich Leni unter den Weihnachtsbaum. Gesagt, getan.

Die Freude unterm Baum teilt die ganz Großfamilie. Nur jetzt, zehn Tage nach der Bescherung liegt das Galaxy S immer noch verpackt bei den Geschenken. So alleine bekommt Opa es für Oma weder angeschmissen noch eingerichtet. Die alte SIM-Karte passt nicht in das neue Handy und generell ist Opa überfragt. „Johannes, komm doch noch mal vorbei“, heißt es. Ob ich das mache, steht außer Frage. Auch habe ich mir schon überlegt, welche Apps, für die Zwei passen: WhatsApp, das Telefonbuch mit den Adressen aus der Familie sowie das Symbol zum Telefonieren. Mehr benötigen sie nicht.

Und doch freue ich mich jetzt schon, ihre Augen zu sehen, wenn sie die ersten Bilder von den Neugeborenen empfangen, Bilder aus unseren Urlauben sehen oder Eindrücke von den Backkreationen meiner Schwestern erhalten. Nicht, dass sie von Letzterem nicht auch so ein Stück abbekämen. Nur ich möchte sie noch stärker an unseren Alltag einbinden. Auch war es mein schönstes Weihnachtsgeschenk, zu hören: „Ne, das will ich noch mal mit der Oma ausprobieren, das behalten wir“.

Wie viele deutsche Familien haben sich unterm Weihnachtsbaum ähnliche Fragen gestellt? Ist das noch etwas für ihn? Sollen wir nicht lieber ein Seniorenhandy nehmen? Will sie das überhaupt? Am besten den Opa einfach fragen. Auch können wir ruhig öfter die alte Technikbegeisterung der Silver Surfer noch mal herausfordern – und beim Einrichten helfen.

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