Demenz: Was auf den Tisch kommt, sagt, wie wir altern

Gibt es noch eine Party der Generation 50 plus, auf der nicht über pflegebedürftige Eltern, über eigene Vorstellungen des Lebens im Alter oder über Demenz gesprochen wird? Prof. Dr. Thomas Klie, Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg glaubt nicht. Und die Zahlen sprechen für ihn:

Während die Zahl pflegender Angehörige zurückgeht, verdoppelt sich die Zahl der auf Pflege angewiesenen Menschen und steigt die Zahl von Menschen mit Demenz auf drei Millionen im Jahr 2050. Quelle: Thomas Klie, Wen Kümmern die Alten (2014).

So liegt die Frage nahe, wie sich die alltägliche Sorge um Pflege, die Angst vor Demenz und der Einsamkeit im Alter mit der vermeintlich egozentrierten Gesellschaft im digitalen Zeitalter verträgt. Gar nicht so schlecht, schlussfolgern jene, die Dr. Lisa Mosconi von New York University gestern in München zugehört haben. Auf dem DLD, einer jährlichen Digitalkonferenz von Verleger Hubert Burda, sprach die Medizinerin über Demenz. Ihr Blick auf 2050 macht vielen Hoffnung – selbst den Egozentrikern. Denn sie hat sich mit dem Altern unseres Gehirns befasst und dabei auf digitalen Möglichkeiten der Datenauswertung und Spiegelung zurückgegriffen.

Zuerst aber die schlechte Nachricht: Unsere höhere Lebenserwartung bedeutet nicht automatisch ein langes, erfülltes Leben. Länge und Qualität korrelieren nicht zwingend. So steigt mit unserem langen Leben das Risiko von neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer, der gängigsten Form von Demenz. Die Wunderpille gegen Demenz ist leider noch nicht gefunden worden – wobei sich Pharmaunternehmen laut eigener Aussage auf einem guten Weg befinden. Was Dr. Mosconi aber herausgefunden hat: Wir können Demenz vorbeugen. Es gibt zwar noch kein Hinweis darauf, wer an dem Gedächtnisverlust leiden wird und wer nicht. Jedoch hat die New Yorker Medizinerin neue, technische Möglichkeiten entdeckt, die Krankheit im Alter zu verhindern können.

Erstens, vergleichsweise günstige Forschungsansätze helfen uns jetzt, unsere genetischen Veranlagungen zu verstehen. Wir sind heute in der Lage, unsere genetischen Daten so zu sammeln und auszuwerten, dass sie uns ein aussagekräftiges Profil geben. Zweitens, wir können unser Gehirn jetzt so einsehen und darstellen, dass wir seine Funktion vor und nach dem Ausbruch von Demenz vergleichen können. Auf dieser Basis können wir Studien zu den Einflussfaktoren anstellen. Nehmen wir die Gene und Spiegelung zusammen können wir besser sagen, was Demenz auslöst.

Die eigenen Gene. Dieses Risiko können wir jetzt besser verstehen, aber wir können es nicht beeinflussen. Wobei Dr. Mosconi auch herausgefunden hat, dass die verantwortlichen Gene nur sehr selten, also bei weniger als einem Prozent, vorkommen.

Krankheiten. Dem Risiko Diabetes, Infektionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bekommen, können wir mit immer besser werdenden Vorsorge- und Behandlungsmöglichkeiten beikommen. Dabei trägt unsere Krankenakte nur zu rund 30 Prozent zum Alzheimer Risiko bei. Bleiben also noch 69 Prozent.

Unser Lebensstil. Ein Risiko, welches wir selbst eliminieren können. Die typischen Kandidaten spielen auch bei Demenz eine Rolle: Zu wenig Bewegung, Rauchen, zu viel Alkohol, ein mangelndes soziales Leben bzw. Vereinsamung und vor allem die Ernährung beeinflussen das Demenzrisiko zu 69 Prozent.

20 Minuten Bewegung am Tag verringern das Risiko schon mal um 30 Prozent. Doch es ist vor allem das, was auf den Teller kommt. Unser Essen ändert unser Gehirn – und unser Denken.

Es sei das fettigstes Organ in unserem Körper und gleichzeitig auch das aktivste, wenn wir aus metabolischer Sicht darauf schauen. So verschlingt es 25 Prozent unserer Kalorien. Den Denksport gibt es also wirklich. Unser Gehirn hängt von unserer Ernährung ab, weil unterbrochen Nährstoffe über den Blutkreislauf hineinfließen und verbraucht werden. Warum das so ist, sieht man, wenn wir beobachten, was unsere Gehirnzellen miteinander machen. Sie verwenden all ihre Energie auf die Kommunikation untereinander. So haben wir fünf zentrale Neurotransmitter im Gehirn: Acetylcholin, Serotonin, Dopamin, Glutamate und GABA. Vor allem die ersten beiden, also Acetylcholin und Serotonin, achten sehr genau darauf, was wir zu uns nehmen. So können wir für Acetylcholin ruhig 1,5 Kilo Brokkoli am Tag essen. Serotonin ist mit 600 Gramm Schokolade glücklich. Alternativ gehen auch 150 Gramm Pflaumen, 150 Gramm Geflügel oder 50 Gramm Tunfisch. Am einfachsten füttern wir das Gen mit drei Teelöffeln Erdnussbutter täglich.

Auf der Menükarte von Dr. Lisa Mosconi steht auch Schokolade.

Auf der Menükarte von Dr. Lisa Mosconi steht auch Schokolade.

Wenn wir uns also den Alterungsprozess unseres Gehirns anschauen, dann ist unsere Ernährung der Schlüssel zum klaren Denken. Wir sind, was wir essen. Und wir werden sein, was wir gegessen haben.

Die Verknüpfung von zwei Technologien zeigt, wie unsere digitale Zeit, dem Altern ein neues, durchaus kulinarisches Gesicht gibt. Dazu hat Dr. Mosconi auch ein Bild, welches uns Europäer ermuntert. In München zeigte sie den Schnitt eines Gehirns, welches zu einer Frau von 52 Jahren gehört. Sie hatte über Jahre eine mediterrane Küche genossen. Dieses verglich sie mit der Gehirnmasse einer 50-Jährigen, die eher die amerikanischen Essgewohnheiten pflegte. Zu sehen sind bei ihr einfach mehr Löcher im Gehirn. So simple es auch klingt, der Lebensstil hat Lücken im Gehirn aufgerissen.

Dr. Lisa Mosconi vergleicht in München zwei Gehirne - rechts sind die Lücken größer.

Dr. Lisa Mosconi vergleicht in München zwei Gehirne – rechts sind die Lücken größer.

Kurz um: Was wir essen, bestimmt, wie wir altern. Gute Annährung kann Alzheimer verhindern. Und es geht nicht darum, Kalorien zu zählen und gegen die Waage zu kämpfen. Es geht um eine Ernährung, die Schokolade wie Brokkoli schätzt. Das heißt auch, dass nicht unbedingt Pillen und Therapien, sondern die täglichen Mahlzeiten der Schlüssel zu einem langen und selbstbestimmten Leben sind.

Bildquelle: Shutterstuck, private Aufnahmen DLD