Wann wird Pflege zu einer Profession – mit Fokus auf Lebensqualität?

So viele Wachstumsmärkte haben wir in der Bundesrepublik nicht mehr. Deutschland ist ein reifer Markt, der sich über ein Quartalswachstum von 0,7 Prozent freut. In aufstrebenden Ländern wie China und Brasilien vertauschen sich die Zahlen. Dort geht es eher um 7,0 Prozent. Doch auch hierzulande gibt es einige wenige Branchen, die kräftig wachsen. Der soziale Sektor ist so eine Branche. Immer mehr Alte und Kranke müssen zu Hause oder in Heimen versorgt werden. Wo ein Mangel an Kräften herrscht, müsste man meinen, steige die Attraktivität für die Beschäftigten. Nur ist das nicht der Fall. So zitiert die FAZ an diesem Wochenende unter dem Titel „Soziale Selbstausbeuter“ eine Anekdote aus einem Heim:

„Die Nachtwachensitzungen wurden zu überlangen Standpauken, in denen wir inbrünstig angehalten wurden, die Zahnputzbecher besser zu säubern und das Bereitschaftszimmer ordentlich zu halten. Oft waren diese Reden mit herablassenden Appellen an unsere Vernunft verbunden (‚Wir wollen doch alle, dass es hier nett ist, oder?‘).“

Die Szene kommentiert die FAZ so:

Klingt, als seien die Mitarbeiter hauptsächlich damit beschäftig gewesen, sich gegenseitig zu erziehen, statt sich auf die körperlich anstrengende Arbeit (…) zu konzentrieren. (…) Im Sozialsektor wird praktiziert, was in anderen Branchen schwer möglich wäre: Nicht die Leistung wird primär beurteilt, sondern „der Mensch“ als Ganzes scheint aus der Sicht vieler Chefs ein tadelnswertes Mangelwesen zu sein, das der kontinuierlichen Selbstoptimierung durch Ratschläge von oben bedarf.

Wie der Name schon sagt, geht es in diesem Sektor um soziale Tätigkeiten mit Hilfsbedürftigen. Eine urchristliche Angelegenheit, für die die monetäre Vergütung fast wie ein Sahnehäubchen erscheint. Denn aus der Pflege oder Hilfe heraus müsse der Mensch doch Erfüllung finden. Diese Mär glauben wir nicht wirklich, und doch zieht sie sich wie ein roter Faden durch den Sozialsektor und spitzt sich vor allem in der Pflege zu. So sagte mir kürzlich eine Pflegern mit mehr als 30 Jahren Erfahrung:

Für mich ist Pflege kein Job. Es ist ein Beruf.

Diese Aussage hat mich ersten Moment sprachlos zurückgelassen. Wer mit ihr arbeitet, der sieht das Gegenteil von Pflegebetrug. In dieser Aussage spiegelt sich jedoch der Pflegenotstand wider. Denn mit dieser Berufung lassen sich viele Pflegende unter Druck setzen – mal steht die Berufung dahinter, mal die Teamleitung, mal die Angehörigen, mal die Kollegen. Im Pflegeteam springt man für einander ein. Der alleinstehenden Oma leiht man sein Ohr jenseits der Minutenvorgaben. Vom Chef lässt man sich sagen, dass die Zahlen oder die Hygiene besser sein können. Was steckt hinter dieser Abwärtsspirale?

Pflege in Deutschland, ein Markt von mehr als 30 Milliarden Euro jährlich, ist so intransparent geworden, dass Druck primär ans schwächste Glied weitergeleitet wird, den Helfern vor Ort. Sie müssen sich ständig begutachten lassen und Qualitätsprüfung unterziehen, die weniger die Pflege beim Senior und mehr ihre Organisation, den Pflegedienst oder das Heim betreffen. Wer hilft den Pflegern wirklich mit der Pflege? Gibt ihnen Tipps? Bildet sie fort? Warum haben wir es noch nicht geschafft, das Thema Pflegequalität auf ein professionelles Diskussionslevel zu bringen und wirklich die Arbeit, statt den Menschen dahinter, verbessern zu wollen?

Ein Anfang ist die Ausrichtung auf den zu Pflegenden. Es muss darum gehen, welche Pflege beim Senior ankommt und was er benötigt. Alle Berichte und Verbesserungsmöglichkeiten darüber müssen zuerst und vor allem verständlich an den Senior und seine Familie gehen – nicht nur und ausschließlich an die Pflegeversicherung und die Heimbetreiber. So viele andere Branchen haben in Deutschland gelernt, dass es um ein loyales Miteinander geht. Wann kommt dieser Gedanke in der Pflege beim Senior an?

Wann wird Pflegen eine Profession, weil Profession von professionell kommt?

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