Zum Tag der Pflege: Was Pflegefachkräfte von der Zukunft ihres Berufsbilds denken

Fachkräftemangel, Überlastung und fehlende Anerkennung – die Gesundheitsbranche stand bereits vor dem Ausbruch von COVID-19 vor großen Herausforderungen. Die Krise führt uns eindrücklich die Bedeutung von Pflegefachkräften und Ärzt*innen für eine gesunde und funktionierende Gesellschaft vor Augen. Der heutige Internationale Tag der Pflege ist für uns Anlass, sie in den Mittelpunkt zu stellen und abseits der aktuellen Situation auf die Zukunft ihres Berufsbildes zu blicken. Was sind ihre Erwartungen? Worauf setzen insbesondere junge Beschäftigte ihre Hoffnungen und welche Rolle spielen digitale Gesundheitsanwendungen dabei? Gemeinsam mit dem Meinungsforschungsunternehmen Civey haben wir Pflegefachkräfte in Deutschland befragt.

Der Internationale Tag der Pflege stand in diesem Jahr unter einem besonderen Zeichen – schon vor dem COVID-19-Ausbruch. Anlässlich des 200. Jahrestags der Geburt von Florence Nightingale, der Pionierin der Krankenpflege, hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Jahr 2020 zum weltweiten Jahr der professionellen Pflegenden und Hebammen erklärt. Unter dem Motto „Nurses – a Voice to Lead: Nursing the World to Health” sollten ihre Leistungen, die fehlende finanzielle Anerkennung und der Fachkräftemangel in der Pflege im Mittelpunkt stehen. Dann kam die Pandemie und zeigte uns so deutlich wie nie zuvor, warum professionell Pflegende mehr Anerkennung, mehr Investitionen und mehr Unterstützung brauchen.

Den Menschen im Mittelpunkt
Der Ausbruch von COVID-19 zwingt die Branche, Politik und Gesellschaft dazu, die Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte anzugehen und im rasanten Tempo eine moderne Vision der Pflege zu entwickeln. Doch wie könnte eine solche Vision aussehen? Gemeinsam mit dem Meinungsforschungsunternehmen Civey haben wir Pflegefachkräfte in Deutschland befragt, was sie sich von der Zukunft des Pflegeberufs erwarten.

Unsere Umfrage unter Beschäftigten im Pflegebereich zeigt dabei deutlich: Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen. So bedeutet moderne Pflege für knapp die Hälfte der Befragten (48,3 Prozent), dass sie mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten haben. Diesem zentralen Aspekt folgen die Forderung nach hohen Qualitätsstandards in der Pflege (36,1 Prozent) sowie einem besseren Ansehen für ihren Beruf (31,6 Prozent). Was dabei spannend ist: Insbesondere für junge Menschen im Pflegeberuf ist die Einhaltung hoher qualitativer Standards entscheidend in einer modernen Pflege (53,6 Prozent).

Keines dieser Ergebnisse ist vor dem Hintergrund von Pflegenotstand und der nur langsamen Weiterentwicklung der Branche überraschend. Die Frage bleibt, warum jeder andere Sektor unseres Systems technologische Innovationen einsetzt, um Probleme zu lösen. Weltweit sind die Investitionen in digitale Gesundheitsanwendungen in den vergangenen Jahren angestiegen. Doch während 75 Prozent des Kapitals in die USA flossen, erreichten nur 0,5 Prozent Deutschland – ein dramatischer Umstand für unseren Gesundheitssektor (Quellen: Deloitte).

Smarte Technik für den Pflegealltag
Denn die technologischen Innovationen sind bereits da. Digitale Gesundheitslösungen mit smarten Technologien bringen Innovationen in den Alltag der Pflegefachkräfte, erleichtern ihre Arbeit, beschleunigen Prozesse und sorgen so dafür, dass mehr Zeit zur persönlichen Betreuung bleibt. Ein Arbeitsumfeld, in dem künstliche Intelligenz (KI) selbstverständlich zum Einsatz kommt, hilft der Branche zudem, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln – und den Beruf attraktiver zu gestalten.

Die Digitalisierung der Pflege ist kein Nice-to-have, sondern eine Notwendigkeit. Kaum eine Branche trifft der Fachkräftemangel so hart wie die Pflege. 3,4 Millionen Menschen sind zu betreuen – und die Nachfrage steigt infolge des demografischen Wandels weiter. Zugleich sind nur 1,6 Millionen Menschen (Stand 2019) in der Pflege beschäftigt. Wie viele Fachkräfte künftig exakt fehlen werden, ist unklar. Das Institut der Deutschen Wirtschaft rechnet damit, dass in 15 Jahren zwischen 130.000 und 150.000 Stellen in der Branche nicht besetzt werden können. Doch Nachwuchs zu finden, wird schwer, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen.

Unsere Umfrage hat gezeigt: Insbesondere junge Menschen erwarten vom Einsatz digitaler Lösungen in der Pflege auch eine Verbesserung ihres Berufsbilds. 83,5 Prozent der 18- bis 29-Jährigen glauben demnach, dass digitale Lösungen die Pflegeberufe verändern werden: So denken 67,7 Prozent der Befragten, dass digitale Anwendungen den Dokumentationsaufwand senken werden. Auch erhoffen sie sich durch ihren Einsatz in der Pflege mehr Zeit für die Betreuung der Patientinnen und Patienten und verbesserte Arbeitsbedingungen.

Die entsprechenden digitalen Gesundheitslösungen gibt es bereits, sei es z.B. eine App für Rezepte, Selbsttherapie oder unsere Mobilitätsanalyse zur Sturzprophylaxe. Allerdings müssen sie auch in den verschiedenen Bereichen der Pflege zur Anwendung kommen. Wir sind alle gefordert, hier für Veränderungen einzutreten. Es beginnt schon bei den Pflegeschulen. Lernen angehende Pflegekräfte von Anfang an mit digitalen Möglichkeiten umzugehen und sie zu nutzen, dann werden sie dies auch bei ihren künftigen Arbeitgebern einfordern.

Krise als Aufbruch: Die Vision einer modernen Pflege beginnt jetzt
Die Corona-Krise ist eine Zäsur. Sie bedroht unsere Gesellschaft, die Art wie wir leben. Sie ist eine gewaltige Herausforderung für jeden von uns. Doch ihr wohnt auch eine Chance inne. Digitale Gesundheitslösungen in der Pflege- und Gesundheitsbranche können eine individuelle und schnelle Versorgung gewährleisten. So zeigen uns führende Leistungserbringer, Krankenkassen, Pflegeinrichtungen und -dienste bereits heute, wie sie mit Hilfe von digitalen Gesundheits- und Therapieanwendungen auch unter den aktuellen Einschränkungen gezielt die Gesundheit, Mobilität und das Wohlbefinden bei Senioren in allen Wohnformen vorantreiben.

Hospital at Home, ein Anbieter ambulanter Pflegedienste und einer Tagespflege aus Schleswig-Holstein, macht es vor. „Auch für uns stellte sich die Frage, wie es weitergehen soll. Wir entschieden uns für den offensiven Gang nach vorne, für die konsequente Digitalisierung unseres Dienstes“, sagt André Godo, Geschäftsführer von Hospital at Home. Die Initiative dafür kam von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Pflegedienstes, bei dem ab Sommer von der Dokumentation, über den Touren- bis hin zum Dienstplan alles über Smartphone und die Cloud läuft. Auch unsere Lindera Mobilitätsanalyse führt Hospital at Home im Zuge dessen ein.

Geschichten wir diese zeigen uns: Eine moderne, digitale Pflege ist nicht nur möglich, sie ist notwendig. Damit sie in der ganzen Breite gelingt, müssen wir gemeinsam mit Pflegefachkräften die politischen und strukturellen Rahmen- und Förderbedingungen einfordern. Anschubfinanzierungen, wie sie das Pflegepersonalstärkungsgesetz vorsieht, reichen dafür bei weitem nicht aus. Es ist jetzt an der Zeit, unsere Vision für moderne Pflege in die Tat umzusetzen – nicht nur am Tag der Pflege oder im Jahr der Pflegenden und Hebammen!

Das Meinungsforschungsunternehmen Civey hat im Auftrag von Lindera zwischen dem 4. März und dem 19. März 2020 700 Pflegekräfte in Deutschland befragt.