„Wenn sie diesen Tango hört“ – Wie tanzen wir uns im Alter aus der Einsamkeit?

Es war ein Gänsehautmoment. Gestern Abend. Schon der zweite in 2015. Hartmut Engler, bekannt als Sänger der Gruppe Pur, sang „Wenn sie diesen Tango hört“. Ort: Die Helene Fischer Show. Sechs Monate zuvor brannte sich dieses Lied aus den späten 80er Jahren schon einmal in die Köpfe ein. Daniel Wirtz rührte viele, als er in der Fernsehshow „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ im Sommer die Strophen vortrug. Sicher, die Melodie ist nett anzuhören. Wie so viele Kompositionen Englers. Auch waren es ganz persönliche Zeilen. Engler erzählt die Geschichte seiner 61-jährigen Mutter. Nur was machte den Moment gestern wie im Juni so einfühlsam? Die Erzählung spiegelt sich in so vielen Schicksalen deutscher Familien wider: Einsamkeit oder zumindest die Angst davor:

Sie sitzt auf ihrem alten Sofa
aus der Wirtschaftswunder-Zeit.
Zwei Glückwunschkarten auf dem Tisch,
Dallas ist längst vorbei.
Alles Gute zum Einundsechzigsten
liebe Omi, Tschüss, bis bald.
Die Kinder sind jetzt groß und außer Haus
Die Wohnung ist oft kalt.

Irgendwas hat sie immer zu tun,
sie teilt sich die Hausarbeit ein
und jeden Abend schaltet sie ab
und das Fernsehen ein.
Das war nicht immer so
erst seit sie allein ist,
seit ihr Mann starb,
den sie mit feuchten Augen vermisst.

Refrain:

Sie hat so gern getanzt mit ihm
und manchmal, wenn es zu sehr weh tut,
legt sie ihre alte Lieblingsplatte auf
und tanzt ganz für sich.

Wenn sie diesen Tango hört,
vergisst sie die Zeit.
Wie sie jetzt lebt ist weit, weit entfernt,
wie ein längst verglühter Stern

Quelle: Pur „Wenn sie diesen Tango hört“ aus Golyr.de.

Im Alter allein zu sein. Dieses Szenario malen wenige Liedzeilen besser aus als diese. Statistisch ausgedrückt ist seine Geschichte alles andere als ein Regelfall: „Bei einem Renteneintritt mit 65 Jahren bleiben Männern im Schnitt 17,4, Frauen 20,7 Lebensjahre“, sagt Prof. Dr. Thomas Klie. Nur wessen Leben passt tatsächlich in das Raster des Durchschnitts? Selbst wenn wir weit über die Lebenserwartung reichen, nagt ein Gedanke an uns: Der Partner könne uns doch vorzeitig verlassen. Wie viele Senioren kennen wir, die aus Einsamkeit begonnen haben, die Macken ihrer besseren Hälfte zu romantisieren? Gleichzeitig sehen wir, wie das Leben um uns herum immer mobiler wird. Wir führen Fernbeziehungen, treffen uns in Telefonkonferenzen und skypen mit der Nichte während ihres Auslandsjahrs in Florida.

Den Gang der Dinge können und wollen wir nicht aufhalten. Woran wir jedoch arbeiten müssen, sind die Lücken, die wir aufreißen.  Wie binden wir die Nachkriegsgeneration in unser mobiles Leben ein? Wie schaffen wir menschliche Nähe, wenn wir nicht immer am selben Ort sind? Wie nehmen wir uns die Zeit für eine endlose Runde Doppelkopf, wenn sich der Papierkram für Anträge und Erstattungen auf dem Schreibtisch häuft?

All diese Fragen scheinen komplex. Und doch sind sie lösbar. Wir können in 65 Stunden zum Mond fliegen – und benötigen noch immer zwei Wochen für einen Erstattungsantrag. Es ist nicht die Technik, die uns fehlt. Geht es nicht eher um den letzten Meter ins Wohnzimmer der Senioren wie in die IT Systeme der Versicherungen, den wir meistern müssen? Was sind die kleinen Hebel und Schalter, die wir umlegen müssen, um die Generationen zu verbinden? Wie digitalisieren wir die Antragsprozesse? Und können wir den Tango nicht auch im Mehrgenerationenhaus weitertanzen und uns die Musikbox dafür teilen? Wir können.

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