Ein Gastbeitrag von Mandy Töppel: Technikgestaltung bitte mit Senioren

Sich mit einer neuen Technik vertraut zu machen, macht mir manchmal schon zu schaffen. Ich bin Techniksoziologin und habe zwei Jahre als wissenschaftliche Leiterin der Senior Research Group (SRG Berlin) gearbeitet. In meinen Forschungstätigkeiten habe ich mich unter anderem mit der Techniknutzung von Senioren beschäftigt und beobachte, dass den Senioren eine neue Technik meist noch viel mehr Unbehagen bereitet. Das liegt zum einen daran, dass wir unterschiedlichen Technikgenerationen angehören. Wir haben andere Erfahrungen mit Mainstream Technologien , die unsere Nutzungspraxis mit Techniken maßgeblich beeinflussen, gemacht. So probiere ich zum Beispiel mit der Technik herum und lerne langsam dazu, wie das für mich noch neue Produkt funktioniert. Senioren, denen ich in meinem Alltag begegne, lesen häufig die unverständlich verfasste Gebrauchsanleitung oder haben grundsätzlich bei jedem Vorgang Angst, etwas kaputt zu machen.

Es ist somit schwierig, sich in die Denkgewohnheiten von Jung und vermeintlich Alt reinzuversetzen. Das trifft besonders auf die Entwickler von Produkten zu. Sie halten zwar viele kreative Lösungen bereit, gestalten diese aber nicht immer mit einem Blick auf die persönlichen Bedürfnisse und Nutzungspraktiken aller Endnutzer. Als wissenschaftliche Leiterin der Senior Research Group (SRG) Berlin habe ich vor allem gelernt, dass es auf zwei Dinge ankommt:

  1. Zuhören: ein enger Austausch mit den Senioren
  2. Zuschauen: sich für einen Einblick in ihre lebensweltliche Erfahrung Zeit zu nehmen

Die SRG ging im Jahre 2001 am Fachgebiet Arbeitswissenschaft und Produktergonomie, der Technischen Universität, aus dem Seniorenbeirat des DFG-geförderten Projektes SENTHA (Seniorengerechte Technik im häuslichen Alltag) hervor. Die Mitglieder der SRG beteiligen sich bis heute an Produktentwicklungs-, Forschungs- und Lehrprojekten. Ihre reflektierten Erkenntnisse über Gerätenutzung, kombiniert mit ihrem Erfahrungswissen als Senioren, ist für Forscher und Entwickler besonders hilfreich. Dabei ist es ihnen wichtig , vom Beginn bis zum Ende an einem Produktentwicklungsprozess teilzunehmen. Denn ihnen liegt daran, dass  Senioren ein intelligentes Design erhalten, mit dem sie komplexe Techniken bedienen können. Sie lehnen damit strikt Techniken ab, die nur für Senioren entwickelt werden. Als Beispiele für ihre Mitwirkung seien hier genannt:

  • Digitales Rathaus. Papierkram Digital. Wie sehen Dokumente der Zukunft aus?
  • Smart living Structures. Verbesserung der Wohnqualität von Menschen.
  • WikiNavi. Navigationssystem für Personen mit körperlicher Behinderung in urbanen Gebieten mit vielfältigen Mobilitätsangeboten.

Daraus ergeben sich zwei zentrale Fragen: Über welches Wissen verfügen Senioren und wir in unserer Generation? Wie können wir hier Schnittstellen finden und unsere Nutzungspraktiken verbinden? Senioren zum Beispiel wissen noch recht gut, wie sie sich orientieren können, wenn sie durch einen Wald spazieren oder sich von A nach B bewegen – ohne eine Navigations-App zu benutzen.

Sie verfügen meist über handwerkliche Fähigkeiten, wie Stricken, Nähen oder Handwerkern, die wir Jungen größtenteils nicht mehr in dieser Form und Qualität verinnerlichen. Und sie haben folglich einen ganz besonderen Blick auf die technischen Innovationen in unserer Zeit. Eine gute Gelegenheit, um das Handy wegzulegen und zuzuhören und etwas von ihrem Erfahrungswissen zu lernen. Wir kennen uns zwar gut in der Nutzung von Internet, Software und Apps etc. aus, aber wenn der nächste Stromausfall kommt oder die Technik als Weg zum Wissen nicht mehr zur Verfügung steht, haben wir ein Problem. Können oder mögen wir eigentlich noch was Kochen, ohne nochmal schnell auf Chefkoch zu gehen um zu schauen, wie das Rezept eigentlich war? Ein Hoch auf unsere ältere Generation von der wir noch so viel fundamentales Wissen erhalten können.

Die Methode „Die Jungen lernen von den Alten“ ist so alt wie die Menschheit selbst. Und ich finde, es ist jetzt höchste Zeit dieses Prinzip für die Gestaltung und die Nutzung von Technik für alle Generationen wieder aufleben zu lassen.

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Die Autorin

Mandy Töppel arbeitet seit 2010 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin. Zu ihren Forschungsinteressen zählt die Mensch-Technik-Interaktion und die partizipative Technikgestaltung sowie Bewertung. Dabei hat die Berlinerin vor allem Senioren fest im Blick. Ihr liegt daran, dass Forscher und Entwickler nicht nur das Marktpotential bei Silver Surfern sehen, sondern auch die konkreten Bedürfnisse und Nutzungspraktiken in die Produktentwicklung einfließen lassen.

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