Pflegebetrug: Vor dem Schwarzmarkt steht eine dicke Grauzone

Eine Meldung und ihre Geschichte. Als eine Antwort auf die milliardenschweren Missstände in der Pflege führt die DAK ihre Pflegebetrug-Hotline ein. Schnell und unkompliziert ist das Call Center gebucht. Nur löst eine Hotline wirklich das Problem im System? Sicher, alle haben ein Ziel vor Augen: Von den 30 Milliarden Euro im deutschen Pflegemarkt soll mehr Leistung bei den zu Pflegenden und ihren Familien ankommen. Aktuell versickert zu viel im System. Pflegedienste sind in Minuten getaktet.

Gerade im ambulanten Bereich flitzen die weißen Helfer auf vier Rädern von 5 Uhr in der Früh bis zum späten Abend von Haus zu Haus. Sie packen an, führen Gespräche und vor allem protokollieren sie. Zum Ende jedes Besuchs tragen sie ihre Dienste in eine analoge Liste. An diese Dokumentation, meist im Querformat, knüpft die DAK mit ihrer Hotline an. Der zu Pflegende behält jeweils Pflegeprotokoll, Angehörige können Einsicht nehmen. Zur Abrechnung am Ende des Monats sind der Senior oder seine Angehörigen gehalten, die Liste zu prüfen und zu unterzeichnen.

Nur frage ich mich, welche Familie wirklich in der Lage ist und ein Interesse hat, die Protokolle kritisch zu prüfen?

  • Wie gleiche ich als Working-Woman Monat für Monat die tatsächlich erbrachte Leistung mit dem Protokoll ab?
  • Verstehe ich die Pflegedokumentation als Laie wirklich, um beim Pflegedienst wirkungsvoll nachzufragen und Verbesserungen einzufordern?
  • Kann ich als Tochter oder Sohn wirklich die Pflegequalität verbessern, wenn ich mich mit dem Pflegedienst über einzelne Punkte diskutiere?

Die Abzeichnung der Pflegedokumentation bestätigt, dass eine ausgefüllte Liste vorhanden ist. Nur heißt „gesehen“ wirklich „verstanden“ oder gar „einverstanden“? Auch wenn mir keine Erhebung bekannt ist, die zeigt, ob Angehörige „einfach“ abzeichnen oder tatsächlich prüfen, behaupte ich: der Anteil der kritischen Prüfungen ist gering. Nur wie lerne ich als Familie, ein Protokoll zu prüfen und beim Pflegedienst die richtigen Fragen zu stellen, um mehr Pflege zu erhalten?

Die Pflegedokumentation auf Papier ist fehleranfällig und im Nachhinein korrigierbar. Die Betrugsfälle werfen ein Licht auf einen Markt, der sicher Züge eines Schwarzmarkts enthält. Das Problem beginnt nur nicht mit der russischen Pflegemafia. Es beginnt mit der großen Grauzone zwischen den Familien, dem jeweiligen Pflegedienst und der Kasse. Denn Rückerstattung und Kontrolle fallen auseinander. Die Rechnungen begleicht die Pflegekasse, die Kontrolle liegt derzeit bei den einzelnen Versicherten und ihren Familien. Anreizmodelle für den Job des Prüfers gibt es für die Familien (bisher) nicht.

Bekommt mein Senior mehr Pflege oder einen anderen Pfleger zugesichert, wenn ich als Familie Zeit und Erfahrung auf die Dokumentenprüfung lege? Nein. Wie kann ich mich gegen Betrug wehren?

So frage ich mich, warum der Missstand, mit meiner Hotline gemindert werden soll, wenn diese das System doch nur weiter festigt? Die Familie prüft, die Kasse zahlt. Statt einer besseren Call-Center-Auslastung lassen sich durchaus mutigere Schritte entwickeln, um den Pflegenotstand anzupacken. Ein Anreizsystem kann ein Bonusprogramm für kontrollierte Pflegeleistungen sein.

In so vielen anderen Bereichen haben wir den Verbraucherschutz erprobt und Kunden eine Stimme gegeben. Wie lange können und wollen wir die Pflege ausnehmen und in ihrer analogen Welt mit Papierlisten belassen?

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