Gastbeitrag von Stefanie Haneck: Pflege aus Liebe?

Im ersten Moment würde diese Frage fast jeder mit einem „Ja“ beantworten. Doch je länger ich darüber nachdenke, kommen mir auch viele andere Gedanken in den Kopf. Eine Person, die einen Angehörigen pflegt, empfindet bestimmt das Gefühl der Liebe, aber ist dies das einzige Gefühl?

Im Laufe meiner Berufsjahre bin ich vielen Angehörigen begegnet, die einen geliebten Menschen pflegen. Aber da war nicht nur das Gefühl der Liebe vorhanden. Ich habe auch sehr oft Überforderung und Hilflosigkeit gesehen. Es ist immer wieder vorgekommen, dass Angehörige die Pflege nicht nur aus Liebe, sondern auch aus Verpflichtung und der Angst vor einem schlechten Gewissen übernehmen. Für viele ist es undenkbar, den Angehörigen in ein Pflegeheim zu geben, besonders da immer wieder in den Medien über schlechte Zustände berichtet wird. Es besteht immer die Ungewissheit, ob der Angehörige dann auch gut versorgt wäre, so dass viele dann lieber die Pflege selbst übernehmen. Auch der finanzielle Aspekt spielt häufig eine Rolle. Eine Unterstützung dieser Menschen können Pflegekräfte sein.

Aber: Pflegen Pflegekräfte aus Liebe?

In erster Linie ist die Pflege für Pflegekräfte ein Beruf, den viele aus Liebe zum Beruf gewählt haben. Aufgrund der geschichtlichen Entwicklung dieses Berufs haben selbst heute noch Pflegekräfte mit dem Image der „Pflege als Liebesdienst“ zu kämpfen. Das Berufsbild der Pflegekräfte ist oft noch ein fürsorgliches Bild, welches weiblich geprägt ist. Doch der Pflegeberuf ist ein Beruf, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und den nicht nebenbei jeder erlernen kann. Doch die Ausübung dieses Berufs gestaltet sich in der heutigen Zeit nicht leicht. Durch die herrschenden Arbeitsbedingungen ist sehr viel Kreativität gefragt. Eine Pflegekraft, die eine gute Pflege leisten möchte, muss sich sehr viel einfallen lassen in einer Zeit der dauerhaften Unterbesetzung, rationierter Arbeitsmaterialien und immer mehr zu versorgenden Patienten. Aber es ist nicht nur während der Arbeitszeit Kreativität gefragt, sondern auch privat. Durch die ständig wechselnden Schichtzeiten, einer immer erwarteten Erreichbarkeit und einer geringen Bezahlung ist eine Vereinbarkeit dieses Berufs mit einem Privatleben ohne kreative Ideen nicht möglich.

Über die Autorin

Stefanie Haneck ist examinierte Pflegerin und studiert Public Health im Master an der FH Fulda. Sie gehört zu den ersten Lindera Pflegementoren.